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"Nebel im August"

Der Schriftsteller Robert Domes stellt an den Fachschulen Ursberg sein beeindruckendes Buch vor.

Robert Domes bei seinem beeindruckenden Vortrag an den Ursberger Fachschulen

Normalerweise wäre jetzt Unterricht in Medizin, Pflege oder Pädagogik auf dem Stundenplan gestanden. Jetzt aber lauschen die fast 170 Studierenden der Fachschule für Heilerziehungspflege und Berufsfachschule für Altenpflege Ursberg den Ausführungen ihres Gastes, dem Schriftsteller Robert Domes. Aufmerksame, gespannte Stille füllt die Aula der Schule, als der Autor des Buches „Nebel im August“ Ausschnitte aus seinem Werk vorliest. Seine Zuhörer sind Studierende, die nach Beendigung ihrer Ausbildung in der Pflege, Erziehung, Assistenz und Förderung von Menschen mit unterschiedlichen Hilfebedarfen tätig sein werden, künftige Fachkräfte, Heilerziehungspfleger und Altenpfleger. In einer Schulveranstaltung einige Wochen zuvor hatten sie bereits die jetzt angelaufene Verfilmung des Buches im Krumbacher Kino angesehen.
In seinem Buch „Nebel im August“ beschreibt der Autor, der aus Oxenbronn stammt und inzwischen in Irsee lebt, einfühlsam die Lebensgeschichte des Teenagers Ernst Lossa, der 1944 im Zuge des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten im BKH Kaufbeuren mit zwei Spritzen Morphium ermordet wurde. Gerade 15 Jahre war er alt. Ein Mord auf „medizinische“ Anordnung des damaligen Ärztlichen Direktors, durchgeführt von „Pflegekräften“. „Eine Dosis hätte wohl auch genügt“, ergänzt der Autor, „aber sie wollten wohl sichergehen“. In der perversen Sprache der nationalsozialistischen Ideologie werden diese Morde als „Gnadentod“ verharmlost und beschönigt. Und die massenhafte Tötung von Klienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren wird scheinheilig begründet mit der „Erlösung“ vom Leid, das diese Menschen angeblich haben, den Kosten, die eingespart werden, und dem elitären Vormachtsanspruch der arischen Rasse.
Gespannte Stille herrscht unter den Zuhörern, als Domes in eindringlicher Sprache beschreibt, wie die „Krankenschwester“ Pauline und ihre Helfern abwarten, bis Ernst schläft, wie sie in das Zimmer des wehrlosen Ernst Lossa schleichen und die Todesspritzen setzen. Ernst Lossa ist nicht ihr erstes Opfer. Sie sind geübt, auch im Vertuschen. Zu Hunderten werden die psychisch kranken und beeinträchtigten Bewohner der Kaufbeurer „Anstalt“ und der Außenstelle Irsee „euthanasiert“. Man ist ideenreich beim Morden: Tabletten werden in einer tödlichen Dosis im Himbeerwasser verabreicht, weil das „weniger Probleme macht“. Unglaublich klingt es in den Ohren der Zuhörer, mit welcher Energie Überlegungen zur „kostengünstigen“ Vernichtung „Lebensunwerten Lebens“ damals angestellt wurden. Kaum erträglich, aber historisch wahr: Eine wohlschmeckende Suppe, aber gänzlich ohne Kalorien, wird den „Insassen“ verabreicht, so dass sie innerhalb weniger Wochen so viel abnehmen, dass sie an einfachen Infekten sterben. In der Sprache der Nationalsozialisten wurde das „E-Kost“ genannt. Unmenschlich, grausam.
Robert Domes beschreibt in seinem wichtigen Buch aber nicht nur die kranke Ideologie der Täter. Er nimmt den Leser mit hinein in die Lebensgeschichte eines Jungen, der seine Mutter früh verliert. So gerät er in die Fänge der nationalsozialistischen staatlichen „Fürsorge“, die verfügt, dass er in ein Heim kommt. Ernst Lossa vermisst seine Mutter und seine Familie schmerzlich und erträumt sich ein besseres Leben: Mitten in der Natur, in Amerika, mit seinem Vater. Doch daraus wird nichts, er gerät in eine Abwärtsspirale, die ihn schließlich nach Kaufbeuren führt.
In einer anschließenden Gesprächsrunde ging der Autor detailliert auf die Fragen der Studierenden zur Entstehung des Buches und seiner Recherche dazu ein. „Es ist ein Stoff, der an mich herangetragen wurde“, so erzählt der Autor auf Nachfragen der Studierenden. Michael von Cranach, der frühere Ärztliche Direktor des BKH Kaufbeuren, hatte ihm die Akte Lossa gezeigt. Damals war Domes noch leitender Redakteur der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Kaufbeuren. Cranach war es wichtig, die Vorgänge im BKH während jener Zeit aufzuarbeiten und gab ihm die Papiere mit dem Hinweis, dass diese Akte Stoff für ein Buch beinhalte. Domes erzählt den Zuhörern, wie es ihm erging, als er die zwanzig Seiten dann angeschaut hat: Vor ihm lag eine Auflistung von schwer zu ertragenden Aussagen über einen jungen Menschen, die diesen vollständig abstempelten. Ein „asozialer Psychopath“ sei der Junge, nicht erziehbar. Es gibt aber, so ergänzt der Autor, keine Hinweise darauf, dass Ernst Lossa psychisch krank war oder eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung hatte. Manchmal entwendete der Junge einfach Schlüssel, um an Essen oder einen Apfel zu kommen, mal bediente er sich am Essen der Mitarbeiter, mal nahm er, der nichts hatte, eine liegengelassene Uhr an sich. Er wurde natürlich erwischt. Stritt natürlich alles ab. Bekam aber auch alles um ihn herum mit. Vermutlich wusste er über die Machenschaften um ihn herum zu viel.
Es war das Foto des Jungen, das bei der Aufnahme in das BKH gemacht wurde, erzählt Domes weiter, dass er sich daraufhin entschieden hat, seinen Job zu kündigen sich als freier Autor, ohne finanzielle Absicherung, diesem Stoff zu widmen. Es sein schon ein wenig riskant gewesen, so beurteilt er diesen Schritt heute, da er ja nicht wusste, ob das Buch angenommen wird, aber es ist gut gegangen. Dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht.
„Nebel im August“ ist ein wichtiges Buch. In seinem Danke betonte Walter Gschwind, Leiter der Fachschulen, die Bedeutung, die diese Thematik auch in der Ausbildung von zukünftigen Fachkräften an den Fachschulen in Ursberg hat. Es sei gerade in der heutigen Zeit wichtig, wach zu bleiben, wenn Menschen wegen der Zugehörigkeit zu einer Randgruppe stigmatisiert werden. Die sichtlich ergriffenen Zuhörer dankten mit anhaltendem Applaus.

Albert Käsbohrer

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